BESATZ IN UNSEREN GEWÄSSERN – EIN PROBLEM?

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Der Besatz in unseren Gewässern ist ein neuerdings kontrovers diskutiertes Thema und steht je länger je mehr unter Beschuss. Warum eigentlich?

Quelle: Bilder & Text vom Petri-Heil, Autor Nils Anderson

Ich konnte als stolzer Neupächter vor einigen Tagen das erste Mal mehrere tausend Brütlinge in Empfang nehmen, diese in den kleinen Seitenbächen verteilen und darauf hoffen, dass die kleinen Tierchen gut heranwachsen und sich eines Tages selber fortpflanzen. Die Elterntiere meiner Brütlinge stammen aus den Zürichsee-Zuflüssen und in einem ebensolchen darf jetzt auch der Nachwuchs heranwachsen. Das Einsetzen von Brütlingen ist eine schöne, schon fast rührende Tätigkeit; jeder wuselnden Handvoll Fischchen werden Glückwünsche mit auf den Weg in ein beschwerliches Leben gegeben. Ich werde beim nächsten Besuch Ausschau halten nach den kleinen Bewohnern und hoffe natürlich, dass die grös­seren Forellen nicht zu schnell auf die Spur ihrer kleinen Artgenossen kommen, denn bereits Sömmerlinge sind ganz und gar frei von Sentimentalitäten, wenn es um Nahrung geht.

Besatz – ein Eingriff in die Natur

Diese Art der Gewässerpflege wird – richtigerweise – als Eingriff des Menschen in die Natur bezeichnet. Neben Verbauungen, Wasserentzug, der Einleitung von Giften, Hormonen, Mikroplastik, Weichmachern und so weiter ist auch Besatz eine menschgemachte Beeinflussung des Ökosystems Gewässer. Wir greifen sowieso in unsere Gewässer ein, warum also nicht auch mit Besatz? Die entgegengesetzte Position, welche von namhaften Biologen vertreten wird, lautet, dass es die Natur letztlich schon richte, wenn sich der Mensch grösstmöglich zurückziehe. Und es ist ja schon so: In einem naturnahen Gewässer mit ausreichendem Geschiebehaushalt und einer hervorragenden Gewässerqualität vermag sich die Bachforelle durchaus fortzupflanzen – ganz natürlich – und das auch im Jahr 2018. Nur nützt diese Einsicht weder den Fischen, die in einem begradigten, siedlungsnahen Gewässer leben müssen, noch den Fischern, die sich vor Ort um die Fische kümmern.

Die Forderung also, Besatztätigkeiten als unverhältnismässigen Eingriff in Ökosysteme zu bezeichnen, ist bei begradigten und durch Abwässer aus Siedlungsgebieten kontaminierten Gewässern zynisch. Dazu gehören sämtliche grösseren Flüsse, und, wenn man will, auch die Seen des Mittellands. Auf Verwaltungsebene findet man im Übrigen durchaus Sympathien für einen Besatzstopp, denn dann könnte man gleich die kosten­intensiven Fischzuchten schliessen.

Studien und Gegenstudien

Über Sinn und Unsinn von durchwegs gut gemeinten Eingriffen gibt es viele Studien. Biologen, Gewässeringenieure, Fischereiverwaltungen, Kommissionen: Alle entwickeln sie ihre Meinungen aufgrund von Studien. Die berücksichtigten Effekte variieren ständig. Mal kann man zeigen, dass Brütlingsbesatz nutzlos ist, das nächste Mal, dass ein massvoller Besatz durch Fischer das Ökosystem massiv verbessert und dies messbare Auswirkungen auf die Gewässerqualität hat. Bei der dritten Studie kann nichts ausgesagt werden, da ein Winterhochwasser alles weggeschwemmt hat. Denkbar ist auch, dass alles mal für zehn Jahre beobachtet wird, mit Referenzstrecke und Moratorium und so weiter. Dann werden eventuell die Eingriffe durch den Gänsesäger, durch Winterhochwasser, Hitzesommer und Gülle-Unfälle und vieles mehr korrigiert und man kann zum Schluss kommen, dass Naturverlaichung unter optimalen Umständen zufriedenstellend funktioniert. Wie wenn wir Fischer nicht an möglichst wilden Fischen interessiert wären und man auch ohne Studie zum Schluss kommen könnte, dass unter optimalen Umständen alles optimal ist.

Viele verschiedene Wahrheiten

Bei der Betrachtung der komplexen Situation, in welcher sich die Schweizer Fliessgewässer befinden, drängt sich vor allem eine Wahrheit auf: Die Erkenntnisse von Gewässer A lassen sich nicht auf Gewässer B, C und so weiter übertragen. So variieren die Wassergüte, das Nahrungsangebot, die Unterstandsmöglichkeiten von Bach zu Bach. Wenn dann noch Unglücksfälle hinzukommen, ändert alles nochmals stärker: Da wird das Wasser zu warm, dort überläuft die Kläranlage, da sind die Bedingungen perfekt, dort hat ein Schwarm Kormorane die laichenden Äschen weggeräumt, da wurde ein Staubecken gespült und einmal wurden die Sömmerlinge zu lange transportiert und das nächste Mal unsachgemäss eingesetzt. Und wenn von einer zufälligen Vermengung des Genmaterials und einem Wegfallen der natürlichen Selektion geredet wird, kann man mit der Aussage eines seit 30 Jahren zuständigen Fischereiaufsehers antworten: «Das Besatzmaterial ist bei weitem nicht so schlecht, wie gerne behauptet wird.»

Lasst die alten Fischer machen!

Im kürzlich erschienen «Tatort Bach» von Roland Herrigel wird ein ganz neuer Fokus angeschnitten, der in der Schweizer Fischerei Schule machen dürfte: Das Erfahrungswissen der langjährigen Pächter, der altgedienten Fischereiaufseher, die ihre Gewässer aus dem «Effeff» kennen, ist für das entsprechende Gewässer massgebend. Im «Tatort Bach» wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die engagierten Fischer sich als die besten Gewässerkenner erweisen und ihre Lösungsansätze stets für das betreffende Gewässer massgefertigt und zudem am kostengünstigsten sind. Sei dies bezüglich Renaturierungen oder eben der richtigen Besatzstrategie: Die alten Herren haben gewissermassen ausführliche Langzeitstudien für jedes einzelne Gewässer im Kopf, sie haben sie einfach nicht niedergeschrieben.

 

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